Elektronische Leitsysteme

Besonders für den Kultur- und Bildungssektor ist das elektronische Informations- und Leitsystem MindTags interessant. Die Nutzung ist per kostenloser Smartphone-App möglich.

 

 

 

Digitale Informationssysteme

– Inklusion durch Technik

 

Digitalisierung ■ Auch wenn UN-Charta, Landesgesetze oder DIN-Normen verpflichtende Regelwerke darstellen, um für Personen mit Einschränkungen eine echte Teilhabe am sozialen, kulturellen und Arbeitsleben zu ermöglichen, ist deren Umsetzung besonders in Bestandsgebäuden nicht selbstverständlich. Die Digitalisierung, sonst oft als Gefahr wahrgenommen, bietet hier ungeahnte Möglichkeiten. Erich Thurner

 

Vor nahezu 50 Jahren ist der Mensch zum Mond geflogen. Und das mit weniger Rechenleistung, als heute fast jeder in Form seines Smartphones mit sich führt. Dabei ist das Gerät längst mehr als ein Telefon, sondern auch ein Weg, um Mails abzurufen, sich mit Freunden zu verbinden, auf Kalendereinträge zurückzugreifen oder in der Nähe befindliche Aktivitäten aufzuspüren. Gerade für Menschen mit visuellen Einschränkungen oder Blindheit ist das Smartphone ein vielseitiger Helfer.

Besondere Applikationen (Apps) erlauben heute beispielsweise einem blinden Menschen die Farberkennung von Kleidung, die Identifikation von Medikamenten oder Alltagsgegenständen bis hin zur Navigation und Verwendung von barrierefreien Busfahrplänen auf dem Weg von A nach B.

Dem Prinzip einer geschlossenen Servicekette Rechnung tragend, kann man sich so nicht nur zum Gebäude seiner Wahl führen lassen, sondern wird bestenfalls auch direkt zu seinem Ansprechpartner in ebendiesem Gebäude geleitet.

 

Von einer Indoornavigation profitieren alle Nutzer

Im Rahmen der Implementierung einer Indoornavigation ist es erforderlich und sinnvoll, alle Nutzergruppen einzubeziehen. So haben die nachfolgenden Ausführungen zwar blinde oder seheingeschränkte Menschen im Fokus, die geschilderte zielgerichtete Ansprache unterstützt aber auch mobilitätseingeschränkte Nutzer. Wir leben in einer primär visuell geprägten Informationsgesellschaft. Daher ist auch mit grafischen Elementen zu arbeiten, wenn eine inklusive Navigation gelingen soll, die zielgerichtet den Weg vom Gebäudeeingang bis zum Sachbearbeiter in der dritten Etage weist.

Ein besonderes Informationsbedürfnis haben Menschen mit Mobilitäts- und visuellen Einschränkungen und/oder Blindheit. Mit Hilfe eines digitalen Leitsystems kann z. B. ein mobilitätseingeschränkter Nutzer grafisch aufbereitete Informationen erhalten, um z. B. barrierefreie Wege über Rampen und Aufzüge zu finden. Im Gegensatz dazu erhalten visuell eingeschränkte Menschen eine Möglichkeit, Kontraste anders zu erkennen, bildhafte Informationen zu vergrößern und wegbegleitend akustische Informationen zu erhalten. Blinde Menschen können akustisch geleitet werden, um über die Nutzung taktiler Leitsysteme hinaus die Umwelt besser zu begreifen und an Orientierung zu gewinnen.

Im Idealfall operiert daher ein digitales Informationssystem, optimiert für Menschen mit visuellen Einschränkungen oder Blindheit, im Dialog mit einem klassischen Bodenleitsystem. Das gilt vor allem bei Weggabelungen oder Kreuzungen in Gebäuden. Denn der Blinde kann allein aufgrund der Bodenmarkierungen nicht erkennen, wohin die Wege führen. Hier sind zusätzliche akustische Informationen nötig, die beschreiben, dass der Weg nach links zur Toilette und der Weg nach rechts zum Notausgang führt. Ein vorhandenes, klassisches Bodenleitsystem hat den Vorteil, dass die relevanten Wege in einem Gebäude bereits identifiziert und entsprechend markiert worden sind. In Anlehnung daran können wegbegleitende Informationen einfach ergänzt werden. Sollte kein Bodenleitsystem implementierbar sein, können alternative Indikatoren wie etwa ein taktiler

erfassbarer Bodenbelagswechsel, die Anzahl der Türen oder Hindernisse wie Pflanzen oder Säulen als ergänzende Orientierungshilfen dienen. Auch Soundleitsysteme eignen sich sehr gut zur Orientierung

in unbekannten Räumen.

 

Voraussetzung für zielgerichtete Informationen ist die Verortung des Nutzers

Der Implementierung eines digitalen Leit- und Informationssystems mit inklusivem Charakter geht eine detaillierte Analyse des Informationsbedarfs im Gebäude voraus. Dass das schnelle Erreichen von Zielen innerhalb unbekannter, komplexer Gebäude auch für Menschen ohne Einschränkung nicht selbstverständlich ist, zeigt sich oft z. B. in Flughäfen, Bahnhöfen oder größeren Einkaufszentren, aber auch in historischen Gebäuden wie Rathäusern oder Verwaltungsbauten.

Digitale Leit- und Informationssysteme nutzen zur Erschließung von Wegen eine Vielzahl von Umgebungsparametern. Das können Höhenunterschiede zwischen Stockwerken sein, die Ausrichtung des Nutzers ermittelt anhand der Kompassfunktion, aber auch die Interaktion mit

Hardwaresensoren wie Bluetooth-Beacon, QR-Codes, NFC-Tags oder GPS-Koordinaten. Je genauer ein Nutzer durch diese Sensoren verortet werden kann, umso zielgerichteter können hilfreiche Informationen zugänglich gemacht werden. Die genaue Positionsbestimmung eines Nutzers ist dabei

nur durch Kombination von mehreren Indikatoren möglich.

Die Installation dieser Sensoren ist einfach. Sie kann auch in Bestandsgebäuden ohne Probleme erfolgen. Sensoren wie QR-Codes und NFC-Tags sind passiv, benötigen also keine eigene Stromversorgung. Sie sind zudem wartungsarm und kostengünstig. Anders als diese Nahbereichssensoren erlauben Bluetooth-Beacons das Auslösen von Smartphone-Interaktionen nahezu automatisch in einer sogenannten On-off-Nutzung auch auf Distanz.

 

Eine ständige, automatisierte Aktualisierung der Daten ist zwingend

Die Wegeführung innerhalb eines Gebäudes verändert sich in der Regel kaum. Dennoch ist es wichtig, dass die ergänzenden Informationen zu diesen Wegen in einer Datenbank gepflegt, aufbereitet und verwaltet werden, damit weiterführende Hinweise z. B. zur Nutzung vom Zimmersafe oder der Klimaanlage im Hotelzimmer bei Bedarf einfach und schnell aktualisiert werden können. Besonders wichtig ist zudem, dass die Nutzung auch offline erfolgen kann. Hierfür sollten die Daten regelmäßig in Situationen, in denen ein WLAN-Zugang existiert, vom System automatisch heruntergeladen und aktuell gehalten werden. Durch diese Datenbanken reduziert sich der Betreuungsaufwand vor Ort. Der QR-Code muss so nicht gewechselt oder der NFC-Tag selbst nicht ausgetauscht werden. Informationsmarken können an unterschiedlichsten Orten Einsatz finden. Mit ihrer Hilfe können Türschilder, aber auch Speisekarten oder das schwarze Brett mit Bürgerinformationen zum Sprechen gebracht werden.

Bedeutsam ist zudem der Aufenthaltszweck beziehungsweise die Nutzung der Räumlichkeiten. So hat der Arzt in einem Krankenhaus ein anderes Informationsbedürfnis als der Patient, das Reinigungspersonal benötigt andere Informationen als der Besucher. Ähnlich verhält es sich in Hotels mit Informationen für das Servicepersonal oder für den Gast. In Ministerien wechselt beispielweise regelmäßig fast die gesamte Belegschaft nach einem Regierungswechsel, und so erwächst alle paar Jahre immer wieder der gleiche Bedarf nach Information zu Wegen, Raumbelegungen usw. Hier bieten digitale Informationssysteme enorme Vorteile.

Die Kosten für digitale Informationssysteme sind überschaubar. In der Regel liegen sie bei einem Bruchteil der Kosten für einen Aufzug oder für eine Rampe. Kleinere orientierungsfördernde Maßnahmen sind ab 5.000 Euro zu haben. In größeren, komplexen Gebäude mit mehreren Stockwerken und Gebäudeteilen ist mit Investitionen im unteren fünfstelligen Bereich zu rechnen. Im Gegenzug wird dadurch die selbstverständliche Teilhabe für Menschen mit Einschränkungen ermöglicht. Eine sonst oft nötige persönliche Assistenz oder anderweitige Hilfe zur Orientierung ist dann unter Umständen nicht mehr zwingend nötig. Der digitale Zugang zu Informationen im Rahmen der Wegfindung oder zu sonstigen relevanten Informationen zum Gebäude ist darüber hinaus für alle nützlich und komfortabel. ■

Quelle: Erich Thurner (MindTags GmbH)